Boßeln ist ein Mannschaftsspiel mit einer Kugel. Zwei Teams werfen abwechselnd und versuchen, eine festgelegte Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu schaffen. Wer weiter vorne liegt, gewinnt. Die Hochburgen mit Vereinen und Meisterschaften liegen auf dem Festland, in Schleswig-Holstein etwa in Dithmarschen und Nordfriesland, dazu in Ostfriesland und im Oldenburger Land. Ausprobieren kannst du das Spiel trotzdem auf Amrum. Am einfachsten geht das im Boßelparcours der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün, wo kurze Bahnen mit Zielen nach Vorbildern aus dem Watt warten. Im Februar laden die Amrumer Rotarier seit vielen Jahren zu einem Boßel-Tag ein, bei dem Insulaner und Gäste in Gruppen quer über die Insel bis nach Norddorf werfen. Und wer friesische Tradition lieber vom Rand aus erlebt, schaut im Spätsommer beim Ringreiten in Norddorf zu oder kommt am 21. Februar zum Biikebrennen.

Was ist Boßeln, und was ist Klootschießen?
Die beiden Begriffe werden oft durcheinandergeworfen, und das hat einen Grund: Sie bezeichnen eng verwandte Spiele, die je nach Region unterschiedlich heißen. In Schleswig-Holstein nennt man Feld- und Straßendisziplinen einheitlich Boßeln. In Ostfriesland und im Oldenburger Land spricht man vom Klootschießen, wenn eine kleine, mit Blei gefüllte Kugel über Felder und Wiesen geworfen wird. Der Name kommt vom niederdeutschen „Kloot“ für Klumpen.
Die älteste Form ist der Feldkampf. Zwei Mannschaften werfen im Wechsel über eine Strecke von mehreren Kilometern, über Wiesen, Wege und Gräben hinweg. Geworfen wird immer von der Stelle, an der die Kugel des Vorwerfers liegen geblieben ist. Weil das früher vor allem bei Frost gespielt wurde, wenn die Kugel auf dem gefrorenen Boden weit nachrollte, heißt diese Variante auch Eisboßeln. Theodor Storm hat ihr im „Schimmelreiter“ eine ganze Szene gewidmet.
Beim Standkampf geht es dagegen nur um Weite. Jeder Werfer hat mehrere Versuche von einer festen Abwurfstelle, der beste zählt. Das Straßenboßeln entstand erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Breitensport, weil sich auf ruhigen Landstraßen ohne Gräben und Zäune gut spielen ließ. In der Grafschaft Bentheim und im angrenzenden Emsland gibt es mit dem Kloatscheeten eine eigene Spielart, deren Regeln dem Straßenboßeln ähneln. Geworfen wird dort mit einer abgeflachten Kugel, dem Kloat, mit Bleikern.
Welche Kugel, welche Regeln?
Die Kugeln unterscheiden sich je nach Disziplin. Für den Feldkampf in Ostfriesland und Oldenburg wird ein Kloot aus Hartholz oder Kunststoff mit Bleifüllung verwendet, 58 Millimeter im Durchmesser und 475 Gramm schwer. In Schleswig-Holstein ist die Kugel bei gleichem Durchmesser 25 Gramm schwerer. Beim Straßenboßeln rollen größere Gummi- oder Kunststoffkugeln zwischen 8,5 und 12 Zentimetern, die in Ostfriesland trotz des Materials „Holz“ heißen. Früher war die Kugel aus Pockholz, dem harten Holz des Guajakbaums.
Die Grundregel ist einfach. Beide Teams starten am selben Punkt und werfen abwechselnd. Wer zurückliegt, wirft zuerst. Holt das zurückliegende Team den Rückstand mit seinem Wurf nicht auf, bekommt der Gegner einen Punkt, den sogenannten Schött. Im Wettkampf ist auf halber Strecke eine Wende vorgeschrieben, und jeder Werfer sollte etwa zehn bis zwölf Würfe absolvieren.
Ein paar plattdeutsche Begriffe hörst du bei jeder Partie. Der Trüll ist das Ausrollen der Kugel nach der Landung, ohne das kaum ein guter Wurf auskommt. Wer der Kugel Drall gibt, wirft „överd Dum“ oder „överd Finge“, also über den Daumen oder über den Finger, und kann sie so um eine Kurve schicken. Ein Wurf ohne Drall geht „liek ut Hand“. Landet die Kugel im Graben, hilft der Klootsoeker, ein Korb an einem langen Stiel. Der Wahlspruch der Klootschießer lautet „Lüch up un fleu herut“, sinngemäß: Hebe auf und fliege weit hinaus.
Wo kommt das Spiel her, und wer organisiert es heute?
Erste Nachrichten über das Werfen mit Kugeln stammen aus dem 14. Jahrhundert aus der heutigen niederländischen Provinz Friesland. In Ostfriesland ist das Klootschießen im 18. Jahrhundert urkundlich belegt. Nach Schleswig-Holstein brachten es im 17. Jahrhundert vermutlich niederländische Deichbauer mit. Die Wurftechnik des Drehwurfs gilt als typisch für Schleswig-Holstein, während in Oldenburg und Ostfriesland der sogenannte Flüchterschlag üblich ist.
Organisiert ist der Sport heute in Landesverbänden. In Schleswig-Holstein ist das der Verband Schleswig-Holsteinischer Boßler, in Ostfriesland und Oldenburg der Friesische Klootschießer-Verband, gegründet am 25. Mai 1902. International treffen sich Deutsche, Niederländer und Iren unter dem Dach der International Bowlplaying Association, die 1969 im niederländischen Losser gegründet wurde. Seit 1980 gibt es alle vier Jahre eine Europameisterschaft, zuletzt 2024 in Neuharlingersiel. Spitzenwerfer kommen mit dem Flüchterschlag auf Weiten um 90 Meter, als Weltrekord werden 106,20 Meter geführt.
Neben dem Wettkampf hat das Boßeln immer eine gesellige Seite. Im Norden gehört es oft zur Kohlfahrt, bei der eine Gruppe im Winter erst draußen wirft und danach gemeinsam Grünkohl isst. Was bei so einem Essen typischerweise auf den Tisch kommt, steht in unserem Beitrag über deftige Klassiker aus Nordfriesland.
Wo kannst du auf Amrum boßeln?
Der bequemste Weg zur ersten Kugel führt nach Wittdün. Im Nationalpark-Haus der Schutzstation Wattenmeer, der Natour-Düne am Schwimmbad 1, gibt es auf dem Außengelände einen Boßelparcours mit kurzen Bahnen. Die Ziele sind von Wattstrukturen inspiriert, an einer Station muss die Kugel zum Beispiel in eine „Seepocke“. Wie beim Minigolf ist der Parcours selbsterklärend, die Spielregeln legt ihr selbst fest. Zur Eröffnung 2022 wurde berichtet, dass die Kugeln in drei Größen gegen Pfand im Haus ausgeliehen werden. Daneben liegt ein naturbelassener, insektenfreundlicher Dünengarten. Von April bis Oktober ist das Haus laut Schutzstation täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr geöffnet, im Winter dienstags, donnerstags, samstags und sonntags von 12 bis 16 Uhr (Stand Oktober 2026). Der Eintritt ist frei, eine Spende ist willkommen. Die Natour-Düne liegt im Gebäude des Badelands, sodass sich ein Regentag gut mit unserem Tipp zum Wellenbad und zur Saunalandschaft im Badeland verbinden lässt.
Größer wird es im Februar. Dann organisieren die Amrumer Rotarier einen Boßel-Tag, zu dem auch Nicht-Mitglieder und Gäste aus ganz Deutschland kommen. 2025 fand er zum 17. Mal statt: Gestartet wurde am Jugendzentrum, die Strecke führte durch den Wald zur Vogelkoje und an den Dünen entlang bis nach Norddorf, unterwegs gab es heiße Getränke und Kartoffelsuppe. Zwölf Gruppen waren damals unterwegs. 2026 kamen rund 2.000 Euro für die Amrumer Jugendfeuerwehr zusammen. Wer an der Strecke steht, sieht einen Teil der Insel, den viele Gäste nur im Sommer kennen. Mehr über die Entenfang-Tradition der Insel erfährst du im Beitrag über die alte Vogelkoje Meeram auf Amrum. Ob und wann es im nächsten Jahr eine Neuauflage gibt, erfährst du am besten vor Ort.
Eine eigene Partie mit der Familie ist natürlich auch möglich, wenn ihr eine Kugel dabeihabt. Achtet dabei auf andere. Die Wege zwischen den Dörfern sind im Sommer voller Fahrräder und Spaziergänger, und eine schwere Kugel hat dort nichts zu suchen. Ruhiger ist es in der Nebensaison. Dann bietet sich ein Rundgang an, der durch den Amrumer Wald zwischen den Dörfern führt, und die Kugel bleibt für freie Abschnitte in der Tasche.
Ringreiten und Biike: Inseltraditionen zum Zuschauen
Boßeln ist nicht die einzige friesische Tradition mit Wettkampfcharakter. Beim Ringreiten versuchen Reiterinnen und Reiter im Galopp, mit einer Lanze einen kleinen Ring aus einer Aufhängung zu stechen, dem sogenannten Gally. Auf Amrum richtet der Amrumer Reitverein die Termine aus. Traditionell treffen sich alle vorher auf dem Reiterhof Andresen in Norddorf, holen die Königin oder den König des Vorjahres ab und reiten gemeinsam zur Wiese. Der Königsring misst nur 2,2 Zentimeter. Wer ihn dreimal sticht, holt den Titel. 2026 gingen laut Amrum News 16 Reiterinnen und Reiter an den Start, nach 18 Durchgängen folgte die Ehrenrunde durch Norddorf. Für Kinder gibt es ein eigenes Ringreiten, und 2023 traten erstmals verkleidete Ringbiker auf Fahrrädern ohne Motor an. Wer selbst in den Sattel möchte, findet Anregungen im Beitrag zum Reiten auf der Insel Amrum.
Im Winter steht ein anderes Ereignis im Kalender. Am Abend des 21. Februar brennen auf Amrum, Föhr, Sylt und den Halligen die Biikefeuer. Früher sollten sie wohl böse Geister vertreiben, später verabschiedeten die Frauen damit die Walfänger. Am 12. Dezember 2014 wurde das Biikebrennen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Nach dem Feuer gibt es traditionell Grünkohl, womit sich der Kreis zur Kohlfahrt schließt. 2025 lud die AmrumTouristik am Abend vorher zu einem Heimatabend mit Trachtengruppe, Blaskapelle und Shantychor ins Norddorfer Gemeindehaus. Wie sich eine Woche im Februar auf der Insel anfühlt, beschreibt unser Beitrag über den Winterurlaub auf Amrum mit Sturmflut-Romantik.
Boßeln mit Kindern und in der Gruppe
Für Kinder ist der Parcours in Wittdün der ideale Einstieg. Die Bahnen sind kurz, die Ziele anschaulich, und niemand muss eine Kugel 50 Meter weit werfen. Bei kleineren Kindern hilft es, die leichteste Kugel zu nehmen und die Regeln locker zu halten. Gezählt wird, wie viele Würfe ein Team bis ins Ziel braucht. Die Schutzstation schlägt vor, die Ergebnisse zu notieren und am Ende eine Boßelkönigin oder einen Boßelkönig zu küren.
Größere Gruppen, etwa Familien über mehrere Generationen oder Freundeskreise, können aus dem Boßeln einen ganzen Nachmittag machen. Zwei Mannschaften, eine Strichliste und ein gemeinsames Essen am Abend reichen. Wichtiger als jede Regel ist dabei, dass niemand vor einer werfenden Person steht. Eine Kugel mit Bleifüllung kann bei einem Treffer ernsthaft verletzen, auch eine aus Gummi ist kein Spielball. Weitere Ideen für Tage mit Kindern findest du in unserem Beitrag Amrum für Familien mit Kindern.
Wo nach dem Werfen Platz für alle ist
Wer mit der ganzen Mannschaft anreist, braucht abends einen großen Tisch. Die Friesenhaushälfte „Hommelkasche“ in Süddorf liegt in einem der ältesten Häuser der Insel, das seit 2007 unter Denkmalschutz steht. Sie bietet bis zu sechs Personen Platz, hinter dem Haus liegt eine große Spielwiese. Ebenfalls für bis zu sechs Gäste ist die Friesenhaushälfte „Steuerbord“ mit drei Schlafzimmern, zwei Bädern und Terrasse ausgelegt, gut geeignet für mehrere Generationen. Kleiner und mit Hund möglich ist die Ferienwohnung „Brombelbei“ im Hüs Sanskiin für bis zu drei Personen. Im großen Garten des reetgedeckten Hauses von 1867 steht unter anderem das Wurfspiel Corn Hole, falls die Kugel einmal Pause hat.
FAQ — Häufige Fragen zum Boßeln auf Amrum
Was ist das Ziel beim Boßeln?
Eine festgelegte Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu schaffen. Zwei Mannschaften werfen abwechselnd, jeweils von der Stelle, an der die Kugel liegen geblieben ist.
Was ist der Unterschied zwischen Boßeln und Klootschießen?
Es sind eng verwandte Spiele mit regional verschiedenen Namen. In Schleswig-Holstein heißen alle Disziplinen Boßeln, in Ostfriesland und Oldenburg spricht man beim Werfen über Felder vom Klootschießen.
Kann ich auf Amrum boßeln?
Ja. Am einfachsten im Boßelparcours der Natour-Düne in Wittdün, einem Nationalpark-Haus der Schutzstation Wattenmeer im Gebäude des Badelands.
Kostet der Boßelparcours Eintritt?
Der Eintritt ist laut Schutzstation frei, eine Spende ist willkommen (Stand Oktober 2026).
Gibt es auf Amrum Boßel-Veranstaltungen?
Ja, die Amrumer Rotarier veranstalten im Februar einen Boßel-Tag mit Gruppen aus Insulanern und Gästen. Der Erlös geht an die Jugendarbeit auf der Insel.
Was bedeutet Trüll?
So heißt das Ausrollen der Kugel nach der Landung. Auf gefrorenem oder hartem Boden ist der Trüll besonders lang.
Was ist Eisboßeln?
Die traditionelle Form des Feldkampfs, die vor allem im Winter bei Frost gespielt wurde. Theodor Storm beschreibt sie im „Schimmelreiter“.
Wie schwer ist eine Boßelkugel?
Ein Kloot für den Feldkampf wiegt in Ostfriesland 475 Gramm, in Schleswig-Holstein 25 Gramm mehr. Gummikugeln für das Straßenboßeln sind größer.
Ist Boßeln für Kinder geeignet?
Ja, besonders auf kurzen Bahnen wie im Parcours in Wittdün. Wichtig ist, dass niemand vor dem Werfer steht.
Wann ist Ringreiten auf Amrum?
In den vergangenen Jahren lagen die Termine des Amrumer Reitvereins im Spätsommer, die Erwachsenen reiten in Norddorf um den Königsring. Die aktuellen Daten erfährst du am besten vor Ort.
Wann ist Biikebrennen?
Am Abend des 21. Februar. Danach wird traditionell Grünkohl gegessen.
Eine Kugel, ein Team und ein Stück Insel
Boßeln braucht wenig: eine Kugel, ein paar Mitspieler und ein bisschen Platz. Auf Amrum bekommst du dazu Dünen, Watt und, wenn du im Februar kommst, eine Insel, die sich auf Biike und Boßeln freut. Wer gezielt zum Biikebrennen oder zum Boßel-Tag kommen möchte, prüft die Termine vorab und plant die Reise darum herum.
Auf www.amrum-appartements.de findest du Ferienwohnungen und Friesenhäuser in Wittdün, Süddorf, Nebel und Norddorf, vom kleinen Apartment bis zum Haus für die ganze Mannschaft.