Strandräuber und Schmuggler auf Amrum: Was belegt ist

Wem gehörte das Strandgut, warum saßen 1816 27 Amrumer im Gefängnis und was ist dran an falschen Feuern? Amrums Strandräuber-Geschichte ohne Seemannsgarn.

Wem gehörte das Strandgut, und was tat der Strandvogt?

Das Strandrecht regelte, wem angespülte Waren, Wracks und die Habe der Besatzung gehörten. Über Jahrhunderte war die Antwort an der Nordseeküste klar: dem Landesherrn. Amrum gehörte bis 1864 als Teil der Westerharde zum dänischen Königreich, nicht zum Herzogtum Schleswig. Die Staatsmacht war auf der Insel allerdings meist nur mit wenigen Personen oder gar nicht vertreten.

Für Strandungen gab es den Strandvogt. Er war von der Obrigkeit eingesetzt, lebte aber selbst auf der Insel. Strandvögte halfen bei der Rettung, stellten Strandgut sicher, nahmen die Daten auf und meldeten alles an die Behörden. Zu ihren Aufgaben gehörte auch ein trauriger Dienst: Sie bargen angespülte Tote. Dafür hielt der Strandvogt auf seinem Hof einen Sarg bereit, die „Dodenmannskist“.

Einer dieser Strandvögte hat auf der Insel ein bleibendes Zeichen gesetzt. Kapitän Carl Jessen, Strandvogt in Nebel, stiftete 1905 das Grundstück für den Friedhof der Heimatlosen am Ortsrand. Zwischen 1906 und 1969 wurden dort 32 unbekannte Tote aus dem Meer begraben. Der Friedhof liegt westlich der Windmühle und ist frei zugänglich.

Warum war das Bergen für Amrum so wichtig?

Amrum lebte lange von dem, was das Meer brachte und was die Männer auf See verdienten. Viele fuhren im 17. bis 19. Jahrhundert als Seeleute und Kapitäne auf Walfängern und Handelsschiffen, wie unser Beitrag über die Amrumer Walfänger und die Grönlandfahrt zeigt. Zu Hause blieben Landwirtschaft, Fischfang und eben die Strandungen.

Wer ein gestrandetes Schiff barg, konnte gut verdienen. Nach Angaben von Georg Quedens stand dem Berger ein Drittel des Wertes von Schiff und Ladung zu, in Einzelfällen bis zu 40.000 Courantmark. Entsprechend groß war der Wettbewerb. Quedens beschreibt, wie die Amrumer von Norddorf aus in einer Stunde am Strandungsort auf Hörnum waren, der Südspitze von Sylt. Der zuständige Sylter Strandvogt aus Rantum musste dagegen erst rund 14 Kilometer durch die Dünen laufen. So schnappten die Amrumer den Syltern manchen Bergefall weg.

Seenotrettung und Bergung waren dabei nicht sauber getrennt. Auch vor der Gründung der Seenotretter 1865 retteten Amrumer Schiffbrüchige, nach Quedens immer auch mit dem Gedanken an die Bergelöhne. Dass Amrumer Seeleute ihr Leben riskierten und manchmal unter fremder Herrschaft weit kamen, zeigt die Geschichte von Hark Olufs, dem Schiffsjungen, der General wurde.

Wo endete das Bergen, wo begann der Strandraub?

Die Grenze verlief dort, wo Strandgut nicht gemeldet, sondern versteckt wurde. Die Insulaner betrachteten angespülte Waren als ihr gutes Recht, die Obrigkeit sah darin Diebstahl am Landesherrn. Wie ernst das genommen wurde, zeigt das Jahr 1816. Damals mussten 27 Amrumer ins Gefängnis, ein Viertel der erwachsenen männlichen Einwohner. Was ihnen im Einzelnen vorgeworfen wurde, geben die frei zugänglichen Quellen nicht her.

Mit der Zeit wurden die Strandungen seltener. Der Amrumer Leuchtturm ging am 1. Januar 1875 in Betrieb, und mit ihm und den folgenden Leuchtfeuern nahm die Zahl der Strandungen an der Westseite der Insel stark ab. Damit schrumpfte auch die Grundlage für Bergung und Strandraub. Ab 1889 entstanden in Wittdün die ersten Hotels, und der Tourismus wurde für die Insel wichtiger als alles, was der Kniepsand anspülte. Wie der Leuchtturm gebaut wurde und was du heute oben siehst, steht im Beitrag über den Leuchtturm von Amrum.

Haben Amrumer mit falschen Feuern Schiffe angelockt?

Die Geschichte ist an vielen Küsten Europas verbreitet: Strandräuber stellen nachts Lichter auf, ein Kapitän hält sie für ein Leuchtfeuer oder eine Hafeneinfahrt, und am Morgen liegt sein Schiff auf der Sandbank. Auch über Amrum wird das erzählt, in Reiseführern ebenso wie im Internet.

Belege dafür gibt es nicht. Georg Quedens, der als Fotograf, Autor und Chronist wie kaum ein anderer über Amrum geschrieben hat, hat sich 2013 im Tagesspiegel deutlich dazu geäußert. Es ärgere ihn, wenn er „diesen Blödsinn“ höre. Ein Kapitän, so sein Argument, würde niemals auf ein Feuer an Land zuhalten. Wer nachts ein Licht an einer flachen Sandküste sieht, hält Abstand.

Die falschen Feuer gehören deshalb in die Kategorie Legende. Für Strandungen sorgten schon die Sandriffe, die bis zu zwölf Kilometer vor der Insel liegen, und die Stürme der Nordsee.

Kaffee, Kontinentalsperre und Notzeiten: Was ist über Schmuggel bekannt?

1806 verhängte Napoleon die Kontinentalsperre gegen Großbritannien, ab 1807 stand Dänemark an der Seite Frankreichs. Kolonialwaren wie Kaffee, Zucker oder Tabak, die vor allem auf britischen Schiffen kamen, wurden knapp und teuer, und an der Nordseeküste blühte der Schmuggel. Amrum gehörte damals zum dänischen Königreich. Für das Jahr 1810 ist ein Scharmützel um eine Schiffsladung Kaffee überliefert, das als „Amrumer Kaffeekrieg“ in die Inselgeschichte eingegangen ist. Ein englisches Kommando wurde dabei überwältigt und der dänischen Verwaltung übergeben. Viel mehr als diese Eckdaten geben die frei zugänglichen Quellen nicht her, ausgeschmückte Fassungen solltest du mit Vorsicht lesen.

Gut belegt sind dagegen die Funde aus dem 20. Jahrhundert, weil Georg Quedens sie selbst erlebt hat. Als Junge sammelte er am Strand Holz zum Heizen und halb abgebrannte Talglichter, die in Kriegszeiten Licht für abendliche Spiele gaben. Zu seinen größten Funden zählte er eine Tonne Rinderschmalz und etliche Dosen Bohnenkaffee. Nach dem Krieg war Bohnenkaffee eine Währung: Für zwei Pfund bekam man laut Quedens ein Ruderboot. 1947 lag der Strand eines Morgens voller Orangen, und sechs angespülte Kisten Rasierklingen sollen den Markt für Rasierklingen auf der Insel für Jahrzehnte gesättigt haben.

Auch zur Strandung des Erzfrachters „Pella“ 1964 gehört dieses Kapitel. Das Buch „Gestrandet vor Amrum – Die Geschichte der Pella“ erzählt laut Verlagsbeschreibung unter anderem von friesischen Strandräubern, Plünderern und Schmugglern rund um das Wrack.

Strandgut heute: Was darfst du mitnehmen?

Die alte Strandungsordnung von 1874 wurde 1990 aufgehoben. Seitdem gilt für Strandgut in Deutschland das normale Fundrecht. Was jemandem gehört, bleibt sein Eigentum, auch wenn es im Spülsaum liegt. Einen Fund, der mehr als zehn Euro wert ist, musst du deshalb beim Fundbüro oder bei der Polizei melden. Ein paar leere Muscheln oder ein Stück Treibholz als Andenken sind etwas anderes. In Schutzgebieten wie der Amrumer Odde bleibst du ohnehin auf den ausgewiesenen Wegen. Was am Kniepsand sonst noch zu finden ist, beschreiben wir im Beitrag über Bernstein, Muscheln und Treibgut auf Amrum.

Lass die Finger von Fässern, Kanistern, Munition und allem, was du nicht eindeutig erkennst. In solchen Fällen hältst du Abstand und rufst die Polizei oder den Notruf 112. Alte Wrackhölzer im Watt bleiben ebenfalls liegen.

Den Spuren der Strandräuber-Zeit begegnest du auf Amrum vor allem in Nebel. Neben dem Friedhof der Heimatlosen steht die Windmühle mit dem Heimatmuseum, das Inselgeschichte und Seenotrettung zeigt. Wann es geöffnet hat und was du dort siehst, steht im Beitrag über die Windmühle in Nebel mit Heimatmuseum.

Wenige Minuten entfernt erzählen auf dem Kirchhof von St. Clemens rund 150 Grabsteine aus den Jahren 1678 bis 1858 vom Leben der Seefahrer, ihren Reisen und ihrem Tod auf See. Wie du die Inschriften liest und die Audio-Codes nutzt, zeigt unser Beitrag über die sprechenden Grabsteine in Nebel. Wer tiefer einsteigen möchte, findet bei Quedens in Wittdün Bücher über die Amrumer Strandungsfälle.

Wohnen in Nebel, mitten in der Inselgeschichte

Friedhof, Mühle und Kirche liegen in Nebel dicht beieinander, und von einer Unterkunft in und um Nebel sind die Wege kurz. Das kleine Ferienhäuschen „Höske“ ist ein Bungalow für zwei mit eigenem Garten und Strandkorb, der nächste Einkauf liegt rund 80 Meter entfernt. Mehr Platz bietet das freistehende Friesenhaus „Waastwinji“ in Nebel mit 130 Quadratmetern für bis zu sechs Personen, großem Garten, Terrasse und Strandkorb. Wer selbst in einem historischen Haus wohnen möchte, ist in der Friesenhaushälfte „Hommelkasche“ am Hark-Olufs-Wai zwischen Nebel und Süddorf richtig, in einem der ältesten Häuser der Insel, mit Garten für bis zu sechs Gäste.

FAQ — Häufige Fragen zu Strandräubern und Schmugglern auf Amrum

Waren die Amrumer wirklich Strandräuber?

Teilweise. Das offizielle Bergen war erlaubt und gut bezahlt, wer Strandgut aber heimlich behielt, beging nach damaligem Recht Strandraub.

Wem gehörte Strandgut früher?

Nach dem Gesetz dem Landesherrn, auf Amrum bis 1864 also der dänischen Krone. Die Insulaner betrachteten es eher als Finderlohn.

Wie hoch war der Bergelohn?

Dem Berger stand nach Angaben von Georg Quedens ein Drittel des Wertes von Schiff und Ladung zu.

Was geschah 1816?

27 Amrumer mussten im Streit um Strandgut ins Gefängnis, das war etwa ein Viertel der erwachsenen Männer der Insel.

Haben Amrumer Schiffe mit falschen Feuern angelockt?

Dafür gibt es keine Belege. Der Inselchronist Georg Quedens hielt die Geschichte für Unsinn, kein Kapitän steuere auf ein Feuer an Land zu.

Was war der Amrumer Kaffeekrieg?

Ein überliefertes Scharmützel um eine Kaffeeladung im Jahr 1810, bei dem ein englisches Kommando überwältigt und den dänischen Behörden übergeben wurde.

Warum wurden die Strandungen seltener?

Vor allem wegen der Leuchtfeuer. Nachdem der Amrumer Leuchtturm 1875 in Betrieb gegangen war, gab es an der Westseite der Insel deutlich weniger Strandungen.

Was war ein Strandvogt?

Ein von der Obrigkeit eingesetzter Aufseher, der bei Strandungen half, Strandgut sicherte, Meldung machte und angespülte Tote barg.

Darf ich heute Strandgut behalten?

Leere Muscheln und kleines Treibholz als Andenken in der Regel ja. Für Gegenstände mit mehr als zehn Euro Wert gilt das Fundrecht, du musst sie beim Fundbüro oder bei der Polizei melden.

Was mache ich mit einem angespülten Fass oder unbekannten Gegenstand?

Nicht anfassen, Abstand halten und die Polizei oder den Notruf 112 informieren.

Wo erfahre ich auf Amrum mehr über diese Zeit?

Im Heimatmuseum in der Windmühle Nebel, auf dem Friedhof der Heimatlosen und bei den Grabsteinen von St. Clemens.

Geschichten mit Augenmaß

Die Amrumer Strandräuber waren keine Piraten, sondern Insulaner, die von einer gefährlichen Küste lebten und das Strandrecht anders auslegten als ihre Obrigkeit. Wer die belegten Geschichten von den Legenden trennt, versteht die Insel besser, und die Wahrheit ist spannend genug.

Wenn du dich selbst auf Spurensuche machen möchtest, findest du auf www.amrum-appartements.de Ferienwohnungen und Ferienhäuser in Nebel, Süddorf, Wittdün und Norddorf.

Veröffentlicht vom Amrum Appartement Centrum