Walfänger von Amrum: Grönlandfahrt und ihre Spuren

Kommandeure, Grönlandfahrt und sprechende Grabsteine: wie die Seefahrt Amrum geprägt hat und wo du ihre Spuren heute in Nebel und Norddorf findest.

Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert fuhren Amrumer Männer in großer Zahl zur See, viele davon auf Walfang ins Nordpolarmeer. Diese „Grönlandfahrt“ und die Handelsschifffahrt waren über rund 200 Jahre die wichtigsten Erwerbsquellen der Insel. Einige Amrumer brachten es bis zum Kommandeur, also zum Führer eines Walfangschiffs, viele andere kehrten nicht zurück. Auf der Insel ist diese Zeit bis heute sichtbar: auf den sprechenden Grabsteinen an der St.-Clemens-Kirche in Nebel, im Kapitänshaus Öömrang Hüs, in der Windmühle und im Naturzentrum in Norddorf mit seinem Pottwalskelett. Wer mag, kann alle diese Orte an einem Tag mit dem Rad besuchen.

Walfänger von Amrum: Grönlandfahrt und ihre Spuren

Wie Amrum zur Seefahrerinsel wurde

Die nordfriesischen Inseln hatten im 17. Jahrhundert wenig, womit sich viele Menschen ernähren ließen. Nach der verheerenden Sturmflut von 1634, der sogenannten zweiten Mandränke, war die Not in den Utlanden groß. Im selben Jahr verbot der französische König den Basken, auf niederländischen Walfangschiffen anzuheuern. Die niederländischen und später Hamburger Reeder brauchten Ersatz, und sie fanden ihn unter anderem auf Sylt, Föhr, Amrum und den Halligen. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts begann für diese Inseln die Grönlandfahrt.

Wie groß die Rolle der Seefahrt war, zeigen die Zahlen aus dem 18. Jahrhundert. Amrum bestand damals aus drei Dörfern mit rund 150 Häusern und etwa 600 Menschen. Für das Jahr 1780 ist überliefert, dass fast 80 Prozent der Männer auf der Insel zur See fuhren. Aufbruch war traditionell um den Petritag im Februar, zurück kamen die Männer im Spätsommer oder Herbst, wenn sie denn zurückkamen. Eine Grönlandfahrt dauerte im Schnitt etwa fünf Monate.

Der Amrumer Heimatforscher Georg Quedens hat allerdings darauf hingewiesen, dass die Grönlandfahrt auf Amrum eine kleinere Rolle spielte als auf Föhr. Viele Amrumer fuhren in der Handelsschifffahrt, und schon in den 1770er-Jahren tauchen sie in den Musterungslisten der Walfanghäfen kaum noch auf. Das Bild vom reinen Walfängervolk ist also etwas zu einfach, auch wenn der Walfang die Insel stark geprägt hat.

Kommandeur oder Kapitän?

Auf den alten Grabsteinen in Nebel stößt du immer wieder auf den Titel „Commandeur“. Er bezeichnet den Schiffsführer auf einem Walfangschiff. In einigen Hafenstädten, etwa in Hamburg, durften im 17. und 18. Jahrhundert nur Bürger der Stadt als Kapitäne die Schiffe einheimischer Reeder führen. Ein Amrumer konnte deshalb ein Hamburger Walfangschiff als Kommandeur befehligen, ohne formal Kapitän zu heißen.

Der Aufstieg lohnte sich, denn der Wohlstand der Walfangzeit kam vor allem bei der Schiffsführung an, bei Kommandeuren, Steuerleuten und Harpunieren. Für die einfachen Matrosen und für die Familien auf der Insel sah die Bilanz anders aus. Die Todesraten waren hoch, und auf den Inseln gab es viele Witwen und Waisen. Wie nah Erfolg und Verlust beieinanderlagen, zeigt das Beispiel des Amrumer Kommandeurs Knudt Wögens (1696–1758): Auf seinem Grabstein ist eine Fleute unter Segeln zu sehen, seine beiden Brüder dagegen kehrten nicht vom Walfang in der Arktis zurück.

Der berühmteste Kommandeur der Region war übrigens kein Amrumer. Matthias Petersen, genannt „der Glückliche“, stammte von Föhr und soll 373 Wale erlegt haben. Er steht für eine gemeinsame Seefahrerkultur der nordfriesischen Inseln, zu der Amrum seinen eigenen Teil beigetragen hat.

Wie der Walfang ablief

Gejagt wurde vor allem der Grönlandwal in den Gewässern um Grönland und Spitzbergen. Die großen Walfangschiffe liefen aus Häfen wie Hamburg, Altona oder Glückstadt aus, die Inselmänner mussten dafür zunächst aufs Festland gelangen. Wurde im Eismeer ein Wal gesichtet, gingen kleine Ruderboote, die Schaluppen, zu Wasser. Harpuniere und Ruderer verfolgten das Tier, bis es erlegt war, dann wurde es längsseits geholt und der Speck abgeschnitten.

Aus dem Speck wurde Tran gewonnen, der als Lampenöl und als Rohstoff für Seife und Schmiermittel gefragt war. Die Arbeit war hart und gefährlich. Boote kenterten, Schiffe gerieten ins Packeis, Kälte und Krankheit forderten ihre Opfer. Wer im Herbst heimkam, brachte je nach Rang und Fangglück einen Verdienst mit, von dem die Familie über den Winter kommen musste.

Im 19. Jahrhundert gab es noch eine späte Phase, die sich stärker auf den Robbenschlag verlegte und nicht mehr von Hamburg aus, sondern von kleineren Häfen startete. Einer der letzten Amrumer Grönlandkommandeure war Marten Martens aus Nebel, der von 1843 bis 1857 die Brigg „Patriot“ aus Elsfleth ins Eismeer führte. Um 1860 war der Walfang als Haupteinnahmequelle der Insel vorbei, viele Amrumer fuhren danach als Kapitäne oder Steuerleute auf Handelsschiffen.

Die sprechenden Grabsteine in Nebel

Den unmittelbarsten Zugang zur Walfangzeit findest du auf dem Friedhof der St.-Clemens-Kirche in Nebel. Auf einem eigenen Areal stehen dort rund 150 historische Grabsteine aus den Jahren 1678 bis 1858, die meisten aus Sandstein. Man nennt sie „sprechende“ oder „erzählende“ Steine, weil sie nicht nur Namen und Daten tragen, sondern ganze Lebensläufe. Du liest von Rang und Beruf, von Ehen und Kindern, von Unglücksfällen und von Gottvertrauen. Viele Steine zeigen Schiffe, manche unter vollen Segeln.

Der bekannteste Stein gehört Hark Olufs, dem Amrumer Schiffsjungen, der 1724 in algerische Gefangenschaft geriet und zwölf Jahre später als wohlhabender Mann zurückkehrte. Seine ganze Geschichte erzählen wir in einem eigenen Beitrag. Seit September 2025 lassen sich zehn ausgewählte Steine per QR-Code als Audiodatei anhören, auf Deutsch oder auf Öömrang, eingelesen von Amrumer Schülerinnen und Schülern. Weitere Inschriften sind auf der Website erzaehlende-steine.de dokumentiert. Mehr zur Kirche und zu ihrer Ausstattung findest du in unserem Beitrag über die St.-Clemens-Kirche und ihre sprechenden Grabsteine.

In der Kirche selbst hängen unter anderem zwei Messingkronleuchter aus den Jahren 1671 und 1685. Sie stammen aus genau der Zeit, in der die Insel ihr Auskommen zunehmend auf See suchte.

Öömrang Hüs, Windmühle und Naturzentrum

Nur wenige Schritte von der Kirche entfernt steht das Öömrang Hüs, ein reetgedecktes Kapitänshaus, das 1683 erstmals erwähnt wird. Heute ist es ein Museum des Öömrang Ferian, des Heimat- und Naturschutzvereins der Insel. In der Wohnstube bekommst du ein Gefühl dafür, wie eine Seefahrerfamilie gelebt hat, mit Alkovenbetten, Fliesenwänden und Möbeln aus der Zeit. Unser Beitrag über das Öömrang Hüs als Inselmuseum in Nebel erzählt mehr über das Haus.

Auch die Windmühle am Ortsrand von Nebel hat eine Seefahrergeschichte. Der Amrumer Seemann Erk Knudten kaufte sie 1770 in Holland, ließ sie zerlegen, verschiffen und in Nebel wieder aufbauen. Sie gilt als älteste Windmühle Schleswig-Holsteins, steht seit 1967 unter Denkmalschutz und beherbergt heute ein Heimatmuseum. Die Geschichte des Bauwerks erzählen wir ausführlich im Beitrag über die Windmühle in Nebel.

Im Naturzentrum Amrum in Norddorf, einem umgebauten ehemaligen Hallenbad, hängt das Skelett eines rund zwölf Meter langen Pottwals. Das Tier strandete nicht auf Amrum, es wurde auf Nordstrand zerlegt, und der Öömrang Ferian sicherte sich das Skelett. Die Ausstellung ergänzt es um die Geschichte des Walfangs auf den nordfriesischen Inseln und besonders auf Amrum. Was du dort sonst noch siehst, steht in unserem Beitrag zum Naturzentrum Amrum mit dem Pottwalskelett.

Walfang und Biikebrennen: Legende und Wirklichkeit

Oft liest man, das Biikebrennen am 21. Februar sei entstanden, um die Walfänger vor ihrer Abreise zu verabschieden. Das ist eine hartnäckige Legende. Nach heutigem Stand hat sie der Sylter Chronist C. P. Hansen um 1830 erfunden, der seine Sammlung zur Inselgeschichte gern etwas ausschmückte. Belegt ist, dass sich auf Sylt vor 1760 am 22. Februar die Seeleute trafen, um ihre Abfahrt zu besprechen und Heuerverträge zu schließen. Die Biike selbst ist älter und hat vermutlich andere Wurzeln. Dass sie heute mit den Walfängern verbunden wird, gehört trotzdem zur Inselkultur, nur eben als Erzählung.

Ein halber Tag auf den Spuren der Walfänger

Für die wichtigsten Stationen brauchst du etwa einen halben Tag, mit Pausen auch mehr. Beginne am Friedhof der St.-Clemens-Kirche in Nebel und nimm dir dort Zeit, am besten mit dem Smartphone für die Audiodateien. Von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuß zum Öömrang Hüs, und die Windmühle liegt ebenfalls in Laufweite am Ortsrand.

Nach einer Mittagspause im Ortskern fährst du mit dem Rad oder dem Bus nach Norddorf zum Naturzentrum am Strandübergang. Öffnungszeiten der Museen ändern sich mit der Saison, deshalb lohnt vorher ein kurzer Blick auf die Seiten des Öömrang Ferian oder der Amrum Touristik. Wer die Dörfer selbst besser kennenlernen möchte, findet in unserem Porträt von Nebel auf der Nordseeinsel Amrum weitere Ideen für den Rundgang.

Wohnen zwischen alten Kapitänshäusern

Für diese Spurensuche liegt Nebel am günstigsten, weil Kirche, Öömrang Hüs und Mühle zu Fuß erreichbar sind. Das Ferienhäuschen „Höske“ steht mitten im historischen Ortskern von Nebel, freistehend und für zwei Personen, mit eigener kleiner Terrasse. Wer lieber in einem alten Reetdachhaus wohnt, findet in Süddorf die Ferienwohnung „Brombelbei“ im Hüs Sanskiin von 1867, mit Wintergarten und Garten. Näher am Naturzentrum liegt in Norddorf die Ferienwohnung „Reethuk“ im reetgedeckten Haus Pesel, mit eigenem Garten und Blick vom Gemeinschaftsgarten übers Watt.

FAQ — Häufige Fragen zur Walfangzeit auf Amrum

Wann waren die Amrumer im Walfang aktiv?

Vor allem vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Die Grönlandfahrt begann für die nordfriesischen Inseln um die Mitte des 17. Jahrhunderts, um 1860 war der Walfang als Haupteinnahmequelle Amrums vorbei.

Was bedeutet Grönlandfahrt?

So hieß die Fahrt auf Walfang und Robbenschlag ins Nordpolarmeer, in die Gewässer um Grönland und Spitzbergen. Eine Fahrt dauerte im Schnitt etwa fünf Monate.

Wie viele Amrumer fuhren zur See?

Für 1780 ist überliefert, dass fast 80 Prozent der Männer auf Amrum zur See fuhren. Die Insel hatte im 18. Jahrhundert nur rund 600 Einwohner.

Was ist ein Kommandeur?

Der Führer eines Walfangschiffs. In Häfen wie Hamburg durften zeitweise nur Stadtbürger Kapitän sein, deshalb führten Inselfriesen die Schiffe als Kommandeure.

Welche Wale wurden gejagt?

Hauptsächlich der Grönlandwal. In der späten Phase im 19. Jahrhundert verlagerte sich die Jagd stärker auf Robben.

Wo finde ich die sprechenden Grabsteine?

Auf dem Friedhof der St.-Clemens-Kirche in Nebel. Dort stehen rund 150 historische Steine aus den Jahren 1678 bis 1858.

Kann man sich die Grabsteine anhören?

Ja. Seit September 2025 gibt es an zehn Steinen QR-Codes mit Audiodateien auf Deutsch und auf Öömrang.

War Matthias Petersen, „der Glückliche“, ein Amrumer?

Nein. Der berühmte Kommandeur, dem 373 erlegte Wale zugeschrieben werden, stammte von Föhr.

Wo kann ich auf Amrum ein Walskelett sehen?

Im Naturzentrum Amrum in Norddorf. Dort hängt das Skelett eines rund zwölf Meter langen Pottwals, der auf Nordstrand zerlegt wurde.

Was hat die Windmühle in Nebel mit der Seefahrt zu tun?

Der Amrumer Seemann Erk Knudten kaufte sie 1770 in Holland und ließ sie nach Amrum verschiffen. Sie gilt als älteste Windmühle Schleswig-Holsteins.

Wurde das Biikebrennen für die Walfänger erfunden?

Nein, das ist eine Legende, die auf den Sylter Chronisten C. P. Hansen um 1830 zurückgeht. Die Biike ist älter und hatte ursprünglich andere Bedeutungen.

Geschichte zum Anfassen

Die Walfangzeit liegt mehr als 150 Jahre zurück, und trotzdem begegnet sie dir auf Amrum an Stellen, an denen du sie nicht erwartest: in einem Schiffsrelief auf einem Grabstein, in einer Mühle aus Holland, in den Namen alter Familien. Plane für die Spurensuche einen ruhigen Tag ein, am besten außerhalb der vollsten Ferienwochen.

Auf www.amrum-appartements.de findest du Ferienwohnungen in Wittdün, Süddorf, Nebel und Norddorf, von denen aus du die Orte der Walfangzeit bequem mit dem Rad oder zu Fuß erreichst.

Veröffentlicht vom Amrum Appartement Centrum